Ukraine

Besuch in der Diaspora der Ukraine

Flusskreuzfahrt auf dem Dnjepr  Mai 2012

Es war eine Reise mit berührenden Augenblicken, die uns nach Odessa, Sewastopol, Simferopol, Gontscharnoje, Jalta, Cherson, Saporoshje und schließlich nach Kiew geführt hat. Der Dnjepr ist 2200 km lang und an manchen Stellen so breit, dass man seine Ufer nicht mehr sieht. Dann verengt er sich wieder, so dass wir badende Kinder beobachten konnten und kleine Häuschen von Bauern und Fischern hinter dem Schilf ausmachten.
Den Älteren von uns sind manche Namen der Ukraine bekannt, weil sie an die Schrecken des Krieges erinnern. Auch wenn sie jetzt im Frieden leben, kämpfen die meisten Menschen, denen wir begegnet sind, mit vielen materiellen Schwierigkeiten, von denen wir uns im Westen Europas kein Bild machen.
In der Stadt Saporoshje haben wir mit der kleinen evangelischen Gemeinde den Gottesdienst in ihrem winzigen Haus gefeiert. Es ist von einem kleinen Gemüsegarten umgeben. Nach dem Gottesdienst wurden wir mit Tee, belegten Broten und Kuchen bewirtet. Die Gemeinde hat 37 Mitglieder, und Predigerin, Organistin und Übersetzer arbeiten alle ehrenamtlich.
Am Himmelfahrtstag waren wir in Simferopol (im Herzen der Krim) bei der dortigen evangelischen Gemeinde zu Gast. Wie auch in den anderen Gemeinden, wurde der Gottesdienst zweisprachig gehalten. Die Gemeindeglieder wohnen weit verstreut und haben für den Gottesdienstbesuch lange Strecken zurückzulegen. Als wir uns nach einem fröhlichen Beisammensein verabschiedeten, wurden wir mit selbst gemachtem Wein für den Weg beschenkt. Anlässlich unseres Besuches auf dem Kriegsgräberfriedhof in Gontscharnoje hat ein Mitglied unserer Gruppe nach langen Jahren der Ungewissheit den Namen seines Vaters gefunden. In einer bewegenden Andacht haben wir der Kriegstoten aller beteiligten Länder gedacht, die dort und an anderen Orten begraben sind. Für sie und für uns haben wir gesungen: „Du hast das Leben allen gegeben, gib uns heute dein gutes Wort... Du bist der Anfang, dem wir vertrauen, du bist das Ende, auf das wir schauen ...."
Die deutschsprachigen Gemeinden in Odessa und Kiew haben nach zähen Verhandlungen ihr Kirchengebäude zurückbekommen. Sie sind jedoch für den Unterhalt und die diakonische Arbeit auf Spenden angewiesen. Rentner erhalten vom Staat im Durchschnitt monatlich den Gegenwert von 100 bis 120 €, viele Verbrauchsgüter entsprechen jedoch westlichen Preisen, und die medizinische Versorgung ist teuer. Man kann sich also die Armut der älteren und kranken Menschen vorstellen. Neben unseren Besuchen bei den Gemeinden haben wir die auf unserem Weg liegenden touristischen Attraktionen wahrgenommen: die Städte Odessa und Sewastopol, die im 5. Jh. v.Chr. gegründete griechische Kolonie Chersones, den ehemaligen Khanpalast in Bachtschissara (Hauptstadt der Krimtataren während 300 Jahren), die Zarenresidenz in Jalta, wo 1945 Stalin, Churchill und Roosevelt Vereinbarungen für die Zeit nach dem Krieg getroffen haben; das Museumsdorf der Kosaken in Saporoshje und in Kiew die Vorbereitungen auf die EM und orthodoxe Kirchen mit vergoldeten Kuppeln, die das Zentrum des Stadtbildes prägen.
Wir haben die grüne Landschaft der Ukraine, die freundlichen Menschen und die vorbildliche Organisation auf unserem kleinen Schiff sehr genossen; aber mehr noch haben der feste Zusammenhalt und der Einsatz sehr kleiner Gemeinden für ihre Kirche einen Eindruck hinterlassen, der uns wohl noch lange begleiten wird.
Hannelore und Franco Avena

 

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