Gebet

Seid beharrlich im Gebet und wacht in ihm mit Danksagung." (Kolosser 4,2)


Gebet ist Leben aus Dankbarkeit. Dankbarkeit wächst im Staunen über das, was ein Mensch hören, sehen, fühlen und denken kann. Zu staunen vermag der Mensch, der offen ist für das, was das Leben ausmacht- im Kleinen wie im Großen. Wenn es in der Bibel heißt "betet ohne Unterlass" (1. Thes 5,17), dann ist damit eine Lebenshaltung gemeint, in der ein Mensch auf das achtet, was ihm widerfährt, es aufmerksam wahrnimmt, genießt oder auch erleidet. Das ganze Leben kann so zum Gebet werden, zu einem bewussten Erleben vor Gott. Das Staunen eines Kindes mit offenem Mund und seine gesammelte Versunkenheit beim Spiel veranschaulichen eindringlich die Lebenshaltung des Betens. 

Im Gebet besinnt sich ein Mensch auf seine persönliche Beziehung zu Gott. Was jemand mit sich selbst erlebt und in der Welt erfährt, das verbindet sich in den Gedanken, Worten und Gesten, mit denen er Gott anredet und anruft. Beten ist ein Gespräch mit Gott, in dem das ganze Leben Platz hat: mit all seiner Freude und Dankbarkeit, seinen Hoffnungen und Wünschen und mit seinem Leid. Im Gebet holt die Seele Atem, sie schöpft neue Kraft für den Umgang mit den eigenen Möglichkeiten und den Kampf mit den persönlichen Problemen.

          WINDMUEHLENDORF 
   
Raum und Zeit für das Gebet sind im Gottesdienst. Daran gebunden ist das Gebet nicht. Jeder Zeitpunkt ist zum Beten geeignet, sich Gott mit Lob und Dank, mit Fragen, Bitten und Klagen anzuvertrauen. Fällt es einem schwer, zu beten, fehlen einem die Worte oder der Glaube, dann hilft zum Beispiel das Vaterunser, einen neuen Zugang zu sich selbst und zu Gott zu finden. Im Vaterunser, das Jesus Christus seine Jüngerinnen und Jüngern gelehrt hat, haben wir Anteil an seinem Vertrauen auf Gott, den er "Abba", "Vater" genannt hat. In diesem Vertrauen dürfen und können wir uns zu jeder Zeit und an jedem Ort an Gott wenden. Die Praxis des Gebets ist weder an eine bestimmte Zeit noch an einen festgelegten Ort gebunden; sie ist unabhängig von Ort und Zeit.
Gleichzeitig kann es eine Hilfe für das persönliche Gebet sein, für sich selbst bestimmte Gebetszeiten festzulegen. Das kann zum Beispiel am Morgen vor Arbeitsbeginn und/oder am Abend nach Beendigung der alltäglichen Pflichten sein. Regelmäßige Gebetszeiten festigen die Gottesbeziehung.

Mit dem eigenen Innersten aus sich selbst herauszutreten und auf diese Weise Gott zu begegnen, wird möglich, wenn ein Mensch betet. Das geschieht mit Worten bekannter Gebete wie den Psalmen, dem Vater unser oder Liedstrophen. Das Gespräch mit Gott kann auch ein kurzes Gebet sein, das nur aus wenigen Worten besteht, oder eines, das ganz frei formuliert ist. Beten ist Fühlen, Denken und Reden. Beten kann man auch mit Farben und Klängen, mit Bildern und Musik. "Gebet ist alles, was die Seele in Gottes Wort schafft: zu reden, zu dichten, zu betrachten und so fort", hat Martin Luther gesagt.

 

Erfahrungen mit dem Gebet

   

Was das Beten schwermacht


"Not lehrt beten". Gewiss nicht immer, denn Not, Leid und Verzweiflung können an Gott und seiner Liebe irrewerden lassen. Sie können sprachlos machen - auch für das Gebet. Not kann zur Gebetsschule werden, sie muss es nicht. Ebenso wenig wie gute Zeiten das Gebet vergessen lassen müssen.

Die Gemeinschaft mit anderen Betenden kann helfen, seine eigene Gebetssprache wieder zu finden. Daneben kann es bestimmte Abschnitte im Leben geben, in denen das Gebetsleben zum Erliegen kommt. Das ist kein Grund dafür zu meinen, von Gott abgeschrieben und verlassen zu sein. Gott verliert uns nicht aus den Augen und dem Herzen. Wir bleiben auch in dieser Situation seine geliebten Kinder.

Manchmal gleichen diese Abschnitte einem Fluß, der an einer bestimmten Stelle versickert, um dann an einer anderen wieder an die Oberfläche zu treten.

         WASSERWALD
   
 Ruhe 

Was zum Beten hilft


Beten lerne ich durch Beten. Ebenso wenig wie ich Sprechen lerne, ohne zu hören und nach-zu-sprechen, Ebenso wenig lerne ich beten ohne Vorbilder und eigene Praxis. Es ist und bleibt darum wichtig, zum Beispiel mit den eigenen Kindern und miteinander zu beten, das Leben als Gebet einzuüben.

Als wesentliche Gebetsschule bewährt sich der Psalter. Die Beterinnen und Beter der Psalmen (Der Herr ist mein Hirte, Psalm 23) können uns lehren, das Gebet als Lebensvollzug zu verstehen. In den Psalmen begegnen uns die verdichteten Lebens- und Glaubenserfahrungen von Menschen, die Gott in den unterschiedlichsten Lebenssituationen niemals aus seinen Verheißungen entlassen haben.

Sie haben Gottes Zusagen unentwegt eingelobt und eingeklagt. Sie waren sich - durch alle Zumutungen und eigenen Widerstände hindurch - seiner Zuverlässigkeit gewiss.

   

Meditation

   

Meditation ist eine bestimmte Gestaltungsform des Glaubens. Sie ist alt und bewährt, immer wieder in Vergessenheit geraten und von Mal zu Mal neu entdeckt worden.

Meditierende praktizieren ihren Glauben auf eine gleichzeitig tätige und scheinbar untätige Art und Weise. Sie kehren bei sich selbst ein, um auf diesem Weg die Lebendigkeit Gottes neu zu erfahren. Denn im Herzen des Menschen liegen die Widerstände gegen Gott. Und in ihrem Herzen erleben Meditierende die Möglichkeit einer erneuerten, tief greifenden Wahrnehmung der Begegnung mit Gott. Meditation wird darum von Menschen geübt, die sich Gottes Nähe auf diesem Weg zu vergewissern suchen; von Menschen, die ihren Alltag mit seinen vielfältigen Fragen und Zumutungen von der erfahrbaren Gegenwart Gottes her gestalten und bewältigen wollen.

Wer diesen "inneren Weg" der Meditation geht, wählt als Christin/als Christ einen Weg zu Gott hin, den er selbst durch seine Offenbarung eröffnet und ermöglicht hat.

                   mosaikmuscheln